Reichweite ist die meist gefeierte Kennzahl im Marketing. Sie ist sichtbar, leicht zu verstehen, schnell zu reporten und oft der Mittelpunkt großer Kampagnenpräsentationen. Doch so oft ich sie auf Folien sehe, so selten überzeugt sie mich als echter Erfolgsindikator. Denn wenn wir ehrlich sind: Reichweite sagt nichts über Wirkung aus. Sie sagt nur, dass etwas gesehen wurde und nicht, ob es etwas ausgelöst hat. Und genau hier beginnt das strukturelle Problem.
„Das Missverständnis: Sichtbarkeit ist gleich Erfolg.“
In vielen Unternehmen wird Aufmerksamkeit mit Relevanz verwechselt. Dabei ist Sichtbarkeit nur ein Kontaktpunkt — und dazu einer, der mittlerweile inflationär geworden ist.
Menschen sind heute nicht unterinformiert.
Sie sind überinformiert, überfordert, überstreut.
Marken konkurrieren nicht nur miteinander, sondern mit allem, was auf Screens passiert.
Und in diesem Wettkampf gewinnt nicht, wer am lautesten schreit, sondern wer Bedeutung stiftet.
Kampagnen liefern Millionen Impressionen.
Aber die Marke bewegt sich keinen Zentimeter weiter.
Warum? Weil Reichweite allein keine Verbindung aufbaut. Keine Präferenz schafft. Kein Vertrauen erzeugt.
„Die entscheidende Frage lautet heute: Für wen sind wir wirklich relevant?“
Marken, die wachsen, beantworten diese Frage nicht mit Zielgruppen demografisch, sondern mit Bedürfnissen, Motivationen und Problemen. Sie orientieren sich nicht an Reichweiten-Maximierung, sondern an Relevanz-Maximierung. Relevanz bedeutet: Wir sprechen über das Richtige – mit den Richtigen – im richtigen Moment – mit echtem Mehrwert. Und das verändert alles.
Wenn Relevanz zur Leitidee wird, braucht es neue KPIs. Weniger Output-Metriken. Mehr Outcome-Metriken. Was moderne KPI-Architekturen daher berücksichtigen sollten:
Qualifizierte Zielgruppen statt Massenreichweiten
Es geht nicht darum, wie viele Menschen wir erreichen – sondern ob wir die richtigen erreichen.
Engagement-Tiefe statt oberflächlicher Interaktionen
Ein Klick ist kein Beweis für Interesse. Ein bewusstes Wiederkommen schon eher.
Wiederkehrende Aufmerksamkeit statt Moment-Peaks
Relevanz entsteht nicht im ersten Kontakt, sondern im zweiten, dritten und vierten.
Conversion-Qualität statt Conversion-Quantität
Was zählt, ist nicht, dass jemand konvertiert, sondern wer und warum.
Diese KPIs erzählen eine deutlich ehrlichere Geschichte über Markenwirksamkeit. Und sie führen zu Entscheidungen, die langfristig tragfähiger sind.
Relevanz ist unbequem, weil sie nicht automatisch entsteht. Sie erfordert Klarheit über Zielgruppen, eine konsistente Markenstory, mutige kreative Entscheidungen und eine radikale Fokussierung auf Nutzen statt Noise. Aber sie ist zugleich der größte ROI-Hebel im Marketing:
Reichweite multipliziert Relevanz. Aber ohne Relevanz multipliziert sie gar nichts.
Relevanz ist kein weiches Gefühl. Es ist eine harte betriebswirtschaftliche Größe. Sie entscheidet, ob eine Marke im Markt Platz nimmt – oder nur Platz einnimmt. Die Aufgabe für Marketing und Kommunikation ist klar: Weniger nach mehr Reichweite fragen. Mehr nach dem strategischen Wert der Aufmerksamkeit. Wer diesen Perspektivwechsel vollzieht, misst anders. Plant anders. Kommuniziert anders. Und wächst anders.
Jürgen Schönberger ist Geschäftsführer der INTEVI und verantwortet seit vielen Jahren die Bereiche Strategie und Kundenberatung. Er verbindet analytische Markenarbeit mit einem klaren Blick für gesellschaftliche Entwicklungen und entwickelt strategische Leitlinien, die Orientierung und Fokus schaffen. Er bewegt sich in einem Umfeld, das aktuell von deutlichen Markt- und Zielgruppenverschiebungen geprägt ist, wodurch sich neue Perspektiven auf Markenrelevanz, Verhalten und Wirkung eröffnen.
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